Hintergründe zu einem vorhandenen                                                                    "Heinrich - Pforr - Gemälde"                                                                           (Verfasser: Dr. Friedhelm Koch)                            

Bedingt durch die Corona-Pandemie fand die letzte Veranstaltung im Velmeder „Heimatmuseum Karl Schmidt“ – eine Führung – im März 2020 statt. Wann es wieder möglich sein wird, das in einem fast 280 Jahre alten Fachwerkhaus in Kratzputzoptik befindliche Heimatmuseum in der Straße „Zum Meinet“ zu besuchen, steht zurzeit noch in den Sternen. Die Mitarbeiter der Sparte „Museum“ innerhalb des „Heimat- und Kulturvereins Velmeden e.V.“, allen voran Jürgen Volkhardt und Herbert Volland, hoffen natürlich, dass eine Öffnung noch 2021 möglich sein wird.

 

Wenn also Besucher nicht ins Museum kommen können, dann könnte das Museum doch zu seinen (potentiellen) Besuchern kommen, um auf diese Weise einen Vorgeschmack auf die nächste Besuchssaison zu geben. Daher soll dies hier mit der Vorstellung eines Ausstellungsstückes geschehen, und zwar eines Gemäldes, das gleichzeitig zum langjährigen Inventar des Heimatmuseums gehört. Es schmückt die Wand hinter dem langen Tisch in der Kaminstube des Heimatmuseums und wurde gemalt von Heinrich Pforr, der nur zwei Kilometer von Velmeden entfernt in (Großalmerode-)Laudenbach am 26. Oktober 1880 in einer kleinbäuerlichen Familie geboren wurde und der am 17. September 1970 in Hannoversch Münden fast 90-jährig starb. Bereits an den Folgen einer zwischen 1886 und 1890 ausgebrochenen Kinderlähmungserkrankung leidend, die ihn zeitlebens gehbehinderte, war Pforr gerade einmal 15 Jahre alt, als er jenes seiner Erfahrungswelt entspringende Bild malte. Die Darstellung vermittelt durchaus eine gewisse naive Bewunderung bäuerlichen bzw. fuhrmännischen Lebens. Es zeigt sich jedoch nicht erst hier Pforr's frühes künstlerisches Talent, das zunächst durch eine vermittelte Tätigkeit an der Kunstgewerbeschule in Kassel sowie darauf folgend insbesondere an der Kunstakademie in Karlsruhe gefördert wurde. Malermeister Karl Schmidt, der 2000 starb, hat das Gemälde übrigens 1954 von einem Vorbesitzer aus Laudenbach im Tausch erworben und hat es – wie er stets betonte – „so vor dem Wegwerfen gerettet und restauriert“.

 

Um was für ein Bild handelt es sich und was wird dargestellt?

Das Bild, dessen Maße im dunkelbraunen, geriffelten und zahlreich durch den Holzwurm gelöcherten Rahmen 73 cm x 58 cm betragen und mit einem Spruch versehen ist („Wein bringt mein Fuhrwerk weit und breit, Gott schütze es zu jeder Zeit“), zeigt in Seitenansicht auf hellem, leicht vergilbtem und fleckigem Papierhintergrund eine ländliche Szene: einen von zwei Pferden gezogenen Wagen (Leiterwagen), auf dem – unter einer Plane abgedeckt – Weinfässer verstaut sind. Das Bild ist rechts unten signiert mit „Gefertigt Hr. Pforr Laudenbach 1895“. Das Pferdegespann bewegt sich auf einem Fahrweg; im Hintergrund auf der gegenüberliegenden Wegseite befinden sich drei Bäume. Zwischen Pferden und Wagen schwingt ein Fuhrmann die Peitsche, während ein anderer mit einem Stock ausgestatteter Mann (evtl. der Wagenbremser) in der Bekleidung des Meißnerlandes (dunkelblaue Schirmmütze, dunkelblauer Hessenkittel mit weißer Stickerei) am hinteren Ende des Wagens in geringem Abstand folgt. Den Pferden voran läuft ein kleiner Hund. Auf dem Gepäckkasten zwischen den Rädern befindet sich der Schriftsatz „Herr Ötzel Üngsterode“. Etwas merkwürdig muten in seitlicher Ansicht – eventuell, um die Unebenheit und Holprigkeit des Weges anzudeuten – drei Anhäufungen mit Dreck, mit Steinen oder was auch immer.

 

 

 

 

Das Gemälde von HeinrichPforr von 1895

(Foto: Bernd Nickel)

 

Heinrich-Pforr-

Signatur

(Fotoausschnitt:

Dr. F. Koch)

 

Gibt es eine Geschichte, die mit dem Gemälde verbunden ist?

 

Am 10. März 1895 heiratete die am 13. Mai 1876 in Laudenbach geborene Wilhelmine Orth den in Velmeden geborenen Jakob Preßler. Besagter Ötzel aus Uengsterode, der auf dem Bild erwähnt wird, war ein Onkel von Wilhelmine Orth. Das Bild war Ötzels Hochzeitsgeschenk an seine Nichte. Jakob Preßler, der Bräutigam, war gelernter Schmied, verdingte sich später jedoch hauptsächlich als Fuhrmann und Dreschmaschinenbesitzer. In Velmeden begründete Jakob Preßler die Lohndrescherei der Familie Preßler (übrigens mit zwei LANZ-Bulldogs, welche die Dreschmaschinen mittels Transmissionsriemen zum Laufen brachten), die bis in die 1960er Jahre existierte.

 

Wie bereits erwähnt, kam das Pforr-Bild 1954 als Tauschobjekt in Karl Schmidts Hände. Gerne wüsste man, was denn wohl dieses andere Tauschobjekt gewesen ist. Möglicherweise war es aber gar kein gegenständliches, sondern die Entlohnung für eine handwerkliche Tätigkeit durch den Malermeister. Es ist bekannt, dass sich Karl Schmidt auf diese Art und Weise, nämlich geleistete Handwerksarbeit im Gegenzug zum Erwerb eines altertümlichen Objekts, das irgendwo auf einem Dachboden oder in einem Keller sein Dasein fristete, häufig „bezahlen“ ließ. Viele Ausstellungsstücke („Altertümer“, so Originalton Karl Schmidt) auf den drei Etagen des Heimatmuseums in Velmeden sind so in seinen Besitz gelangt.

Bliebe noch zu sagen, dass das frühe Gemälde weder in der großen, im Jahr 1983 vom Hessischen Museumsverband e.V. Kassel in enger Zusammenarbeit mit den Staatlichen Kunstsammlungen in der Orangerie in Kassel initiierten Ausstellung „Heinrich Pforr 1880-1970 – Heimat am Meißner“ zu sehen war, noch in dem umfangreichen Bestandskatalog aufgeführt ist. Das ist schade, weil es sich hier um ein sehr frühes Werk Pforr‘s handelt.

 

 

Wilhelmine und Jakob Preßler galt seinerzeit das Bild

als Hochzeitsgeschenk (Repro: Dr. F. Koch)